Der ausgewälte Artikel:
Das Leben feiern
Josefine Nulle muss nach vier Hirnblutungen die Selbstständigkeit neu lernenMit den Anglizismen ist das so eine Sache. Man sollte sie eigentlich vermeiden. Aber wenn man über Josefine Nulle schreibt, muss es einfach Englisch sein. Rock Your Life – Feier Dein Leben. Das ist das Motto der 19-jährigen Brandenburgerin. Nach vier Hirnblutungen, Koma und einer Halbseiten-Lähmung. Heute lebt und arbeitet Josefine Nulle im Oberlinhaus-Berufsbildungswerk (BBW) in Potsdam. Ein Porträt.
Die Worte sprudeln aus ihrem Mund. Medizinische Fachbegriffe, der neueste Tratsch aus dem Internat, das Kompliment für die Physiotherapeutin kommen einfach so. Ganz offen, ganz freundlich, ganz wach. Eine Umarmung. Josefine Nulle soll in der Physiotherapie-Stunde eigentlich üben, wie sie mit ihrer gelähmten linken Hand wieder eine Tasse greifen kann oder eine Suppe löffeln. Heute ist die 19-Jährige unkonzentriert. So viel schwirrt ihr durch den Kopf, will sie erledigen, hat sie vor. Josefine könnte Schulsprecherin sein oder die jüngste Abgeordnete im Bundestag. Selbstbewusst, sozial, intelligent.
Da fließt der Speichel aus ihrem linken Mundwinkel auf die Physiotherapie-Liege, Die Therapeutin greift zum Taschentuch, wischt den Faden weg. Immer wieder. Noch immer ist die linke Körperhälfte von Josefine teilweise gelähmt, schwer zu kontrollieren. Auch fünf Jahre nach der letzten Hirnblutung. Vier Blutungen hat die Brandenburgerin insgesamt erlebt, seit sie zwölf Jahre alt war. Notarzt, Koma, Operationen. Das ganze Programm. Josefine Nulle litt an einer Blutgefäßmissbildung. Heute gilt ihre Krankheit als geheilt, sind die Gefäße im Gehirn verödet.
„Ich will das nie wieder erleben“, sagt sie und rollt theatralisch mit den Augen.
„Nein danke.“ Als könnte sie Einfluss darauf nehmen. Vielleicht ist das ihre Strategie, mit all den Schicksalsschlägen umzugehen. Überlebensstrategie ist sicher die Selbstironie. „Ich finde es immer lustig, wenn mich Leute fragen, mit welchem Auge ich eigentlich gucke“, sagt sie und lacht. Die Augen rutschen weg, sie kann nicht fokussieren. Nicht mehr.
Und doch kann sie lesen, schreiben, am Computer recherchieren; hat ihren erweiterten Realschulabschluss gemacht. Jetzt lernt Josefine Bürokraft in einer Übungsfirma im Berufsbildungswerk des Oberlinhauses in Potsdam. Sie ist eine von knapp 900 Jugendlichen, die hier ausgebildet werden. Die meisten von ihnen sind körperlich behindert.
Josefine geht den langen Flur entlang, das linke Bein zieht sie nach. Ihr
Ziel ist das Radiostudio im Keller des Hauses. Seit einem Jahr ist sie dabei, moderiert, recherchiert, ist als Reporterin mit Mikrofon und Aufnahmegerät auf dem zehn Hektar großen Gelände unterwegs und berichtet für den hauseigenen Sender „Radio 4 You“.
Aus den Boxen wummert der Bass eines Rapsongs. „Was für schlechte Musik“, sagt Josefine. „Rockmusik ist das einzig Wahre.“ Rockmusik habe ihr geholfen, sich nach den unzähligen Operationen wieder aufzuraffen. Zu kämpfen. „Steh auf“ heißt das Lied einer deutschen Rockgruppe, das sie damals im Krankenhaus wieder und wieder hörte, als es ihr so schlecht ging. Von der Kraft dieser Musik aus elektrischen Gitarren und Schlagzeugrhythmen ließ sich die damals Schwerkranke infizieren. „Rock Your Life“ schreibt sie deshalb auch heute noch überallhin: auf jeden Zettel, an den Schrank in ihrem Zimmer, an die Zimmertür. Kombiniert mit einer kleinen Comicfigur, die aussieht wie eine lachende Sonne.
Zwei Gedichtbände hat die 19-Jährige geschrieben. „Ich bin, wie ich bin – und das ist auch gut so“, zitiert sie eine Zeile mal eben im Gehen. Vielleicht wird sie irgendwann in einem kreativen Beruf arbeiten können. Sie wünscht es sich. Denn Bürokauffrau, das sei doch viel zu trocken. Sie grinst. Die Ausbildung im Oberlinhaus sieht Josefine als einen Start in ein unabhängiges Leben. Der erste Schritt in die Eigenständigkeit soll der Umzug in die Selbstständigen-Wohngemeinschaft sein. Dann wird sie allein einkaufen gehen und kochen müssen, auch mal die Küche fegen. Dafür will sie in der nächsten Therapie-Stunde unbedingt üben: Handfeger und Schaufel bedienen. Das hat sie heute mit ihrer Physiotherapeutin ausgehandelt.
www.bbw-oberlinhaus-potsdam.de
die Kirche
7.Dezember.2008
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