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Dialog im Dunkeln
In einem Frankfurter Museum führt der blinde Petros Bokretzien die orientierungslosen Sehenden durch seine eigene WeltIm Dunkeln sind die Sehenden hilflos. Ängstlich tasten sie sich vorwärts durch die unbeleuchteten Räume. Alles ist schwarz, und sie können sich nur an meiner Stimme orientieren. Damit sie sich nicht so fürchten müssen, mache ich immer ein paar Witze zur Auflockerung. Hier, im Dialogmuseum in Frankfurt, führe ich die Sehenden durch meine Welt. In der Ausstellung Dialog im Dunkeln leite ich die Besucher durch komplett abgedunkelte Räume, eine dunkle Erlebnislandschaft. Da erfahren die Menschen, wie es sich anfühlt, blind zu sein. Ich selbst bin seit dem 16. Lebensjahr blind.
Der beeindruckendste Teil dieser Ausstellung ist der Klangraum. Hier erleben die Besucher, wie viel sensibler das menschliche Ohr auf Musik reagiert, wenn man nicht sieht. Die Musik fließt vom Kopf bis in die Zehenspitzen. Nach der Führung gebe ich den Besuchern die Gelegenheit, mich alles zu fragen, was sie über mein Leben als Blinder wissen möchten.
Die meisten Menschen wissen ja gar nicht, was in Blinden vorgeht und welche Hilfe sie wirklich wollen. Einfach am Arm zu packen und irgendwohin zu ziehen ist zum Beispiel ganz schlecht. Wenn man mich aber nett fragt, ob ich Hilfe brauche, sage ich meistens ja.
Wenn ich daran denke, wie verzweifelt ich und meine ganze Familie vor einigen Jahren waren, bin ich stolz darauf, wie ich den Alltag heute meistere.
Erblindet bin ich kurz vor meinem 17. Geburtstag. Ich war da gerade auf einem eritreischen Jugendfestival in Kassel. Ich erinnere mich nur noch daran, wie ich plötzlich im Krankenhaus wieder aufgewacht bin. Gegen die Anweisung der Ärzte beschloss ich, wieder nach Hause zu gehen. Einige Zeit ging es mir gut. Dann hatte ich plötzlich Kopfschmerzen und musste mich ständig übergeben. Meine Mutter war sehr verzweifelt, denn ich lag den ganzen Tag mit starken Schmerzen im Bett. Ich konnte mich weder alleine anziehen noch laufen. Irgendwann fuhr mich meine Familie einfach auf gut Glück in die Neurologie. Wieder untersuchten mich die Ärzte und stellten schließlich die Diagnose: In meinem Kopf wuchs ein bösartiger Tumor heran! Ich hatte die Wahl zwischen einer Operation, bei der die Gefahr für mich bestand, zu achtzig Prozent schwerstbehindert zu werden, oder mich bestrahlen zu lassen. Natürlich habe ich mich für die Bestrahlung entschieden. Zunächst wurden meine Schmerzen weniger. Danach verschlechterte sich meine Sehkraft innerhalb kürzester Zeit. Eines Tages wurde alles unscharf vor meinen Augen. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ich blind.
Als mir die Ärzte mitteilten, dass der Tumor meinen Sehnerv zerquetscht habe und ich nie wieder sehen würde, habe ich stundenlang geweint. Ich war total verloren. Nichts ergab mehr Sinn. Man sagte mir, dass ich noch drei bis vier Jahre zu leben hätte. Die Ärztin setzte sich einmal neben mein Bett und erklärte mir das Ausmaß der Katastrophe: »Petros, fühl mal meine Faust: So groß ist der Tumor in deinem Kopf.« Da wusste ich, wie ernst es ist.
Den 10. Oktober 2002 werde ich deshalb niemals vergessen. Eigentlich war ich nur für eine Routineuntersuchung im Krankenhaus. Es kam mir aber vor, als ob der Arzt gar nicht mehr aufhören wollte, mich zu untersuchen. Immer wieder murmelte er fragend vor sich hin, untersuchte mich wieder und wieder. Schließlich sagte er mir, was er festgestellt hatte: Der Tumor war komplett verschwunden! Ich war noch nie so erleichtert und glücklich in meinem Leben wie an diesem Tag. Ich dankte Jesus, dass er meine Gebete erhört hatte.
Seit dieser Zeit sind sechs Jahre vergangen, und ich habe mich in meinem Leben als Blinder eingerichtet. Ich musste jede Kleinigkeit auf das Leben in der Dunkelheit umstellen. Schwierig ist das in Frankfurt vor allem wegen des ganzen Chaos auf der Straße. Weil ich hier aufgewachsen bin, erinnere ich mich aber zum Glück noch an die meisten Straßen und kann mich orientieren. Ich fahre auch jeden Tag alleine mit der Straßenbahn zur Arbeit. Meine Uhr sagt mir auf Knopfdruck die Zeit. Und meine Küchenwaage kann ebenfalls sprechen, damit ich beim Backen nicht zu viel Mehl in den Teig mische. Trotzdem wache ich jeden Morgen auf und hoffe, dass ich heute wieder sehen werde.
Wenn das wirklich passieren würde? Dann würde ich sofort in meine Heimat Eritrea reisen und mir die wunderschönen Landschaften ansehen. Die habe ich früher gar nicht so richtig geschätzt. Und auch hier in Frankfurt würde ich alles ganz genau angucken, jeden Baum und jeden Strauch, jedes Zimmer und jede Blüte. Und die Gesichter würde ich betrachten. Vor allem die Gesichter.
Protokoll: Patrizia Barbera
Publik-Forum
6.Januar.2009
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Bokretzien, Petros
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