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Zweisprachigkeit mit Händen und Gesicht
Gebärdendolmetscher übersetzen auf dem Kirchentag in BremenBremen (epd). Wenn Patrick George mit ausgestrecktem Daumen und Zeigefinger die Umrisse eines Menschen nachzeichnet und anschließend mit fragendem Gesichtsausdruck auf sein Gegenüber zeigt, dann spricht der Gebärdendolmetscher das diesjährige Kirchentagsmotto für Gehörlose aus. »Mensch, wo bist Du?« heißt es vom 20. bis 24. Mai in Bremen. Dass an der diesjährigen evangelischen Großveranstaltung wieder Gehörlose und Hörbehinderte teilnehmen können, dafür sorgt der 40-Jährige vom Bremer Landesverband der Gehörlosen mit zehn Kolleginnen und Kollegen.
»Wir werden bei bestimmten Terminen wie großen Gottesdiensten gut sichtbar auf einem Podest am Bühnenrand stehen oder können während des Kirchentags an unserem Infostand von Besucherinnen und Besuchern kurzfristig gebucht werden«, sagt George, der für die Koordination der Gebärdendolmetscher auf dem Bremer Kirchentag zuständig ist. Dabei sei sein Team in der Lage, sowohl in die »Deutsche Gebärdensprache«, kurz DGS, als auch in »Lautsprachbegleitende Gebärden« (LBG) zu übersetzen.
Eigene Grammatik
Nur wenige Hörende kennen den Unterschied. »Die Gebärdensprache (DGS) ist eine Sprache mit eigener Grammatik und eigenem Satzbau«, erläutert George. Das Verb etwa stehe am Ende eines Satzes; Zeitangaben wie »gleich morgen« oder »in ferner Zukunft« würden durch die Dehnung einer Gebärde sowie durch eine entsprechend prägnante oder eben gedehnte Mimik verdeutlicht. Die komplexen Gebärden könnten Strukturen der Lautsprache mit ihren Einzelwörtern zusammenfassen. Diese als vollwertig und seit 2001 auch gesetzlich anerkannte Sprache werde von Menschen, die von Geburt an gehörlos seien, bevorzugt.
Menschen, die erst später im Leben ertaubten oder mit einer verminderten Hörleistung lebten, orientierten sich weiterhin an der Struktur der gesprochenen Sprache, erläutert der Dolmetscher. Sie bevorzugten Gebärden, die analog der gesprochenen Sprache Wort für Wort übersetzten.
Auch Liedtexte werden übersetzt
Mit LBG würden beispielsweise die Mittags- und Abendgebete um 13 und 18 Uhr begleitet. Und die Übersetzung der Liedtexte der A-Capella-Band »Wise Guys« auf ihrem Konzert am Donnerstagabend und die »Große Nacht der Lieder« am Samstagabend übernähmen die »Kirchentagsdolmetscher-Urgesteine« Gudrun Hillert und Christian Pflugfelder, kündigt George an.
Die Gebärdensprache (DGS) komme etwa bei den Bibelarbeiten mit Prominenten wie mit Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) oder mit dem ehemaligen Bremer Bürgermeister Henning Scherf (SPD) zum Einsatz, erläutert der Dolmetscher, der seit 20 Jahren in Gebärdensprache übersetzt und für den Bremen nach Hamburg und Stuttgart der dritte Kirchentagseinsatz ist. »Der Kirchentag ist für uns eine spannende Veranstaltung, weil wir bei den meisten Terminen nicht im Vorfeld wissen, wie wir übersetzen sollen.«
Im Vorfeld sei kaum abzuschätzen, wie stark Hörbehinderte die Möglichkeit von Einzelbuchungen für bestimmte Veranstaltungen nutzen werden, meint George. »Das Dolmetscher-Angebot hat sich jedenfalls herumgesprochen«, ist er sich sicher. Nicht zuletzt wegen des im Internet abrufbaren Flyers unter der Rubrik »barrierefrei« und dank der Informationen durch die Gehörlosenseelsorge. Durch die staatliche Anerkennung der Sprache sei auch auf Kirchentagen das Angebot für Gehörlose und Hörgeschädigte kontinuierlich gewachsen.
George hat nach eigenen Worten als Sohn zweier Gebärden-Dozenten in Sachen Gebärdensprache die »beste Ausbildung zu Hause« erhalten und vor zwei Jahren die »sauschwere« staatliche Prüfung abgelegt. Bereits vor 20 Jahren fing der gelernte Bankkaufmann parallel zur Arbeit in einer Bank mit Dolmetschertätigkeiten an. Seit rund sieben Jahren ist er beim Landesverband der Gehörlosen Bremen angestellt und dort unter anderem für Dolmetscher-Vermittlung, Öffentlichkeitsarbeit und Beratungstätigkeiten zuständig.
Auch typisches Kirchentagsvokabular kommt ihm leicht über die Finger. Der »Papphocker« etwa: Mit parallel nach vorne gekrümmtem Zeige- und Mittelfinger stellt George einen Hocker dar, dann bildet er mit zweimal aneinandergeschlagenen Fäusten das Wort Pappe.
Internet: www.kirchentag.de
epd-Wochenspiegel
7.Mai.2009
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