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Mit der "Braille-Zeile" auf die Datenautobahn

Mit der "Braille-Zeile" auf die Datenautobahn
Das Netzwerk "Kom-In" erschließt die neuen Medien für Blinde
Saalfeld (epd). Die Computerbedienung geht Mario Buchmann schnell von der Hand. Mit wenigen Handgriffen hat der blinde Seelsorger seinen Arbeitsplatz in einem Altenheim so eingerichtet, dass er gedruckte Texte ohne Mühe aufnehmen kann. Über einen Scanner wird die Vorlage in den Rechner eingelesen und mit einem speziellen Programm in Blindenschrift umgesetzt. Auf einem Zusatzgerät, der "Computerbraille-Zeile", werden die einzelnen Punkte durch elektronische Impulse leicht angehoben. Der geübte "Leser" kann so schrittweise jeden beliebigen Text abtasten.

Eineinhalb Jahrhunderte nach der Erfindung der Blindenschrift durch den Franzosen Louis Braille verbessert der tastaturähnliche Zusatz zum Personalcomputer die Kommunikationsmöglichkeiten für Sehbehinderte in Arbeitswelt und Privatleben erheblich. Denn die Braille-Zeile eröffnet ihnen nicht nur den Zugang zu gedruckten Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch zu den neuen Medien entlang der weltweiten Datenautobahnen.

Das Interesse nehme ständig zu, weiß Jörg Sorge vom "KOM-In-Netzwerk" in Unterloquitz bei Saalfeld in Thüringen: "Immer mehr Blinde nutzen Computer, um sich Wissen anzueignen." Das 1993 gegründete Netzwerk bietet dafür Hilfen und Material. Zu den jüngsten Angeboten gehört ein Service "für Blinde und ihre Freunde" im Internet.

Auf diesem Gebiet gebe es einen deutlichen Nachholbedarf, meint Sorge. Bei der Entwicklung von Software-Angeboten werden die Bedürfnisse blinder Mitmenschen nicht immer berücksichtigt." Dieses Defizit will "Kom-In" durch seine Arbeit überwinden helfen. Neben zwei Disketten-Zeitschriften zur Ergänzung des konventionellen Angebots von Hörzeitschriften informiert der Verein unter der Internet-Adresse http://www.thur.de/org/kom-in/ über Menschen mit Behinderungen, Menschenrechte, Christentum und Gesellschaft.

Erweitert werden soll ferner die Aufbereitung von aktuellen Nachrichten für den "Kom-In"-Dienst. "Wir sind noch in der Startphase, betont Sorge und verweist zugleich auf die anderen Arbeitsbereiche des bundesweit aktiven Netzwerks, das aus dem Christlichen Blindendienst in der DDR hervorgegangen ist. Nach dessen Vereinigung mit dem gesamtdeutschen Verband wurden ab 1991 zunächst einzelne Bereiche der Hörbücherei fortgeführt und das Monatsmagazin "ABC-Joumal" auf Tonbandkasette gegründet. Drei Jahre später kamen erste Angebote in Videotextprogrammen hinzu, 1995 wurden erste Nachrichten über Mailbox-Netze weiterverbreitet. Inzwischen habe das "Kom-In"-Netzwerk, das neun Hörzeitschriften produziert, etwa 300 regelmäßige Nutzer, erzählt Sorge. Und die Empfänger für die jährlich rund 3 000 Päckchen mit Kassetten sitzen außer in Deutschland auch in der Schweiz, Ungarn, Israel, Tschechien, Großbritannien, Frankreich und Luxemburg.

Bickelhaupt, Thomas, 16.10.1997
© KOM-IN-Netzwerk 1996 - 2014


Veröffentlicht am 15.10.1997 von Thomas Bickelhaupt