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Influencer - Oder wer trifft den Nerv der Zeit?

Luther Denkmal Worms c. Joerg Sorge

Bild: Luther Denkmal Worms

Am Ende des Reformationsjubiläums mehren sich die Rückblicke und Analysen der Festjahre. Über mediale Aufmerksamkeit kann sich die evang. Kirche nicht beschweren und auch im Gemeinwesen scheint Luther nach 500 Jahren angekommen zu sein. Selbst Orte, die Luther beim Vorbeifahren von weiten gesehen haben könnte, gestalten nun daraus touristische Attraktionen.

In Wittenberg wurde mit einer Weltausstellung zur Reformation erheblicher Aufwand getrieben, aber die Besucherzahlen sind hinter den Erwartungen geblieben. Der Hauptgottesdienst des Kirchentages wurde nicht am Hauptaustragungsort gefeiert. Sonderbusse und Bahnen brachten jedoch auch hier nicht so viele Besucher wie geplant. Parrallel zum Kirchentag fanden in zahlreichen Städten Mitteldeutschlands sog. Kirchentage auf dem Weg statt. Ein Konzept, dass in anderen Jahren erfolgreich war, ging in diesem Jahr nicht auf. Viele gute und wichtige Veranstaltungen auf diesen kleinen Kirchentagen bekamen einfach nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient hätten. Dagegen sprechen viele Verantwortliche und Mitarbeiter von überdurchschnittlich vielen guten Begegnungen und Erfahrungen, auch mit Menschen, die der Kirche fern stehen. Der streitbare Theologe Friedrich Schorlemmer spricht jedoch von einem Fanal der Selbsttäuschung. Die ev. Kirche müsse neu bestimmen was sie eigentlich sei und wohin sie wolle.

Möglicherweise hat das Reformationsjubiläum wider Erwarten deutlich gemacht, dass die Relevanz der evang. Kirche beträchtlich abgenommen hat. Die mediale Aufmerksamkeit wurde mit einem nie da gewesenen Aufwand erreicht. Wenn wir in die neue schöne Medienwelt schauen, finden wir z.B. auf youtube oder auf Instagram die sog. Channels der neudeutsch genannten Influencer. Also Personen die Einfluss haben, vor allem auf Jugendliche. Anfangs genügte ihnen ein Smartphone und eine Internetverbindung. Sie gaben ihre Gedanken, Gefühle und Ansichten weiter oder veröffentlichten Fotos von sich selbst. Teils schauen sich Hunderttausende bis Millionen die Episoden und Veröffentlichungen regelmäßig an. Warum sind sie scheinbar mühelos so erfolgreich? Sprechen sie über die großen und wichtigen Fragen des Lebens? Schöpfen sie aus einem reichen Schatz an Lebenserfahrung? Es ist wohl die, zumindest anfangs vorhandene, Authentizität, die bei Menschen ankommt und sie gefangen nimmt. Das Thema könnte nebensächlich sein. Oder ist es wirklich wichtig, welches MakeUp aufzulegen ist, welche Zutaten der perfekte Smoothie haben muss und in welcher Umgebung eine Espressotasse steht?

Und da scheinen wir zum eigentlichen Dilemma zu kommen. So schön es wäre, wenn Kirche eine relevante Stimme zum Guten in der Gesellschaft hätte. Ob das in allerlei Kunst und architektonische Stile gehauene Christentum wirklich das ist was Jesus gemeint hat? Er begegnete den Menschen auf Augenhöhe. Er war authentisch, glaubwürdig. Er sagt von sich, wer ihn sieht, sieht den Vater. Er stellte kein Dogma auf. Genauso wenig wie Luther seine Thesen an die Wittenberger Kirchentür heftete als eine Art neue Gebote. Nein, Luther lieferte eine Diskussionsgrundlage, die er wohl nicht einmal selbst veröffentlichte, sondern wahrscheinlich einige seiner Bekannten. Aber diese Diskussionsgrundlage traf den Nerv der Zeit und wurde so zum Selbstläufer.

Insofern ist es vielleicht auch heute an jedem Einzelnen, sich nicht zu verstecken hinter Influencern, Parteien, oder in den eigenen vier Wänden. Sondern den Mut aufzubringen und sich einzubringen in die tatsächlich wichtigen Diskussionen unserer Zeit. Diese sachlich und respektvoll und in Zeiten der Digitalisierung eben auch digital zu führen ist ein Lernprozess. Auch wenn wir gerade eher die üblen Seiten der neuen Medaille zu sehen bekommen, sollten wir gerade als Christen nicht resignieren. Es werden die unauffälligen, vielleicht auch digitalen Begegnungen von Mensch zu Mensch sein, die tatsächlichen Einfluss haben, weniger die großen medienwirksamen Veranstaltungen. Und dann könnte es uns gehen wie damals dem Fischer Petrus, als er auf EIN Wort Jesu doch noch einmal auf den See hinausfuhr und tatsächlich, unter menschlich unsinnigen Bedingungen, ein volles Netz in das Boot zog.

Hier können Sie den Text hören, gesprochen von Markus Wetterauer.


Veröffentlicht am 27.11.2017 von Sorge, Jörg